20
Nikolai war mitten in einem Telefongespräch, als Renata von ihrem langen, so dringend benötigten Bad aus dem Badezimmer kam. Irgendwann musste sie wohl in der Wanne eingeschlafen sein, denn das Letzte, woran sie sich erinnerte, war Jacks Stimme in der Wohnung, nachdem Nikolai gegangen war, um ihn hereinzulassen, und nun gab es keine Spur mehr von ihm. Sie trat ins Zimmer, ihr Haar war an den Spitzen feucht und klebte ihr im Nacken, ihr Körper in das Badetuch gehüllt, das Nikolai ihr hingelegt hatte.
Sie war schwach auf den Beinen, und immer noch tat ihr alles weh, immer noch war ihre Körpertemperatur zu hoch, aber das kühle Bad war genau das gewesen, was sie gebraucht hatte. Nikolais Kuss war auch nicht übel gewesen.
Er sprach leise und in vertraulichem Tonfall, sah zu ihr hinüber von seinem Platz auf einem Klappstuhl beim Kartentisch in der Mitte des Raumes, musterte mit seinen hellblauen Augen ihren Körper kurz von Kopf bis Fuß. In diesem Blick lag eine unverkennbare Hitze, aber er sprach in geschäftsmäßigem Ton weiter ins Telefon; vermutlich, dachte sie, mit dem Orden in Boston. Renata hörte seiner gründlichen Schilderung der Umstände des Mordes an Jakut zu; dass Lex und Fabien offenbar Verbündete waren; dass Mira verschwunden war, und seine Flucht aus der Hochsicherheitsklinik, die Nikolai und Renata zu Jack geführt hatte, wo sie vorübergehend in Sicherheit waren.
So wie es klang, machte sich der Mann am anderen Ende - Nikolai nannte ihn Lucan - Sorgen um ihre Sicherheit und war froh, dass sie beide halbwegs unverletzt waren.
Allerdings schien ihm überhaupt nicht zu gefallen, dass sie in ihrem Versteck der Gnade eines Menschen ausgeliefert waren. Und dieser Lucan schien alles andere als begeistert darüber, dass Nikolai Renata helfen wollte, Mira zu finden.
Sie konnte die tiefe Stimme am anderen Ende etwas von „Stammesgefährtinnenproblemen" und „aktuellen Zielvorgaben" knurren hören, als schlössen diese beiden Begriffe einander aus.
Die gefluchte Antwort, als Nikolai hinzufügte, dass Renata eine Schussverletzung hatte, war quer durch den ganzen Raum zu hören.
„Sie hält ganz schön was aus", sagte er und sah zu ihr herüber. „Aber sie wurde ziemlich übel in die Schulter getroffen, und es sieht nicht allzu gut aus. Es wäre vielleicht eine gute Idee, einen Transport zu organisieren und sie unter den Schutz des Ordens zu stellen, bis sich hier oben alles beruhigt hat."
Renata machte ihm mit einem wütenden Blick klar, dass sie nicht einverstanden war, und schüttelte den Kopf.
Riesenfehler. Selbst von dieser kleinen ruckartigen Bewegung verschwamm ihr alles vor den Augen. Sie konnte sich gerade noch auf die Bettkante setzen, bevor ihre Knie unter ihr nachgaben. Sie ließ sich auf die Matratze fallen und kämpfte mit einer heftigen Welle von kaltem Schweiß.
Sie versuchte, ihr Elend vor Nikolai zu verbergen, aber so wie er sie ansah, wusste sie, dass es keinen Sinn hatte. Es ging ihr dreckig, und er merkte es.
„Hat Gideon schon irgendwas über Fabien rausgefunden?", fragte er, stand auf und ging unruhig auf und ab. Eine Minute lang hörte er schweigend zu und stieß dann einen leisen Seufzer aus. „Scheiße. Warum wundert mich das nicht? Er stank meilenweit gegen den Wind nach arrogantem Politiker, also hatte ich den Eindruck, der Mistkerl hat gute Verbindungen. Was haben wir noch über ihn?"
Renata hielt in der Stille, die sich ausbreitete, den Atem an. Sie konnte sehen, dass die Neuigkeiten am anderen Ende des Telefons alles andere als gut waren.
Nikolai stieß einen langen Seufzer aus und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Wie lange, denkt Gideon, wird es brauchen, an diese Verschlussakten ranzukommen und eine Adresse rauszufinden? Scheiße, Lucan, ich bin mir noch nicht mal sicher, ob wir so lange warten sollten, wo doch . . ja, verstehe. Solange Gideon sich da reinhackt, sollte ich vielleicht Alexej Jakut einen Besuch abstatten. Ich wette mein linkes Ei, dass Lex weiß, wo Fabien steckt. Hölle noch mal, er ist bestimmt selbst schon ein paarmal dort gewesen. Diese Information würde ich nur zu gern aus ihm rauspressen und dann hingehen und mir Fabien persönlich vornehmen."
Nikolai lauschte einen Augenblick, dann grunzte er einen leisen Fluch. „Ja, klar, weiß ich ... so gern ich es diesem Dreckskerl heimzahlen würde, du hast recht. Wir können uns das Risiko nicht leisten, dass Fabien uns durch die Lappen geht, bevor wir eine heiße Spur zu Dragos haben."
Renata sah rechtzeitig auf, um Nikolais grimmigen Gesichtsausdruck zu sehen. Sie wartete darauf, dass er hinzufügte, dass Miras Sicherheit und die Lokalisierung des Vampirs, der sie gefangen hielt, oberste Priorität hatten. Sie wartete, aber diese Worte kamen Nikolai nicht über die Lippen.
„Klar", murmelte er. „Er soll durchrufen, sobald er was findet. Ich werde heute Nacht auf einen kleinen Erkundungstrip gehen. Wenn ich irgendwas finde, das uns weiterhilft, melde ich mich."
Er beendete das Gespräch und legte das Handy auf den Kartentisch. Renata starrte ihn an, als er zum Bett herüberkam und vor ihr in die Hocke ging.
„Wie fühlst du dich?"
Er streckte die Hand aus, als wollte er nach ihrer Schulter sehen - oder sie vielleicht auch einfach streicheln -, aber Renata zuckte vor ihm zurück. Sie konnte nicht hier sitzen und so tun, als sei alles in Ordnung. Sie war ziemlich durcheinander und stinksauer, fühlte sich regelrecht verraten. So lächerlich es auch war, zu denken, dass sie sich auf ihn verlassen konnte.
„Hat das kühle Wasser dein Fieber nicht gesenkt?", fragte er und runzelte die Augenbrauen. „Du siehst immer noch irgendwie blass und wackelig aus. Komm, lass mich mal nachsehen ..."
„Ich brauche deine Besorgnis nicht", stieß sie hervor.
„Und auch deine Hilfe nicht. Vergiss, dass ich dich gefragt habe. Vergiss einfach ... alles. Es wäre mir ja gar nicht recht, deine aktuelle Mission mit meinen Problemen zu gefährden."
Sein Stirnrunzeln vertiefte sich. „Wovon redest du?"
„Ich habe meine Prioritäten, und du hast offensichtlich deine. Hörte sich eben so an, als hätte dein Kumpel Lucan das Sagen."
„Lucan ist einer meiner Waffenbrüder. Er ist auch der Anführer des Ordens, und ja, er hat das Recht, in Ordensangelegenheiten zu bestimmen, wo es langgeht."
Nikolai stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Da ist was Großes im Gange, Renata. Der Mord an Jakut war nur ein kleiner Teil davon, und er war nicht der erste. Es hat noch einige andere Gen Eins-Morde gegeben, in den Staaten und anderswo. Jemand ist diskret dabei, die ältesten, mächtigsten Stammesvampire auszuschalten."
„Wozu?" Sie sah zu ihm auf, wider Willen neugierig.
„Das wissen wir nicht genau. Aber wir glauben, dass eine bestimmte Person dahintersteckt, ein sehr gefährlicher Stammesvampir Zweiter Generation namens Dragos. Der Orden hat ihn vor ein paar Wochen in seinem Versteck aufgestöbert, aber es ist ihm gelungen, uns zu entkommen.
Jetzt ist er wieder im Untergrund. Der Dreckskerl versteckt sich gut. Jede Spur, durch die wir näher an ihn rankommen, ist extrem wichtig. Er muss unbedingt aufgehalten werden."
„Sergej Jakut hat Dutzende von Menschen umgebracht - nur so als Sport", bemerkte Renata. „Warum haben du und der Rest des Ordens ihn nicht aufgehalten?"
„Bis vor Kurzem wussten wir nicht, wo er zu finden war, geschweige denn von seinen Freizeitaktivitäten. Selbst wenn wir davon gewusst hätten, er war Gen Eins. Der Orden hätte nichts gegen ihn unternehmen können, ohne sich mit dem ganzen bürokratischen Apparat der Agentur anzulegen."
Renatas Gedanken verdüsterten sich, kehrten zurück zu der Zeit, die sie unter Jakuts Herrschaft verbracht hatte.
„Manchmal, wenn Jakut von mir getrunken hat ... wenn er mich für Blut benutzt hat, habe ich etwas Monströses in ihm gesehen. Ich meine, ich weiß, was er war - was alle von eurer Art sind -, aber ab und zu sah ich ihm in die Augen, und ich schwöre, da war nichts Menschliches mehr in ihnen.
Alles, was ich in seinen Augen sehen konnte, war etwas abgrundtief Böses."
„Er war Gen Eins", sagte Nikolai, als wäre damit alles erklärt. „Nur die Hälfte ihrer Gene ist menschlich. Die andere Hälfte ist ... anders."
„Vampirisch", murmelte sie.
„Außerirdisch", berichtigte Nikolai.
Er starrte sie an, als er es sagte, und fast hätte Renata angefangen zu lachen. Aber seine Miene war völlig ernst.
„Lex gibt gern damit an, dass er der Enkel eines Erobererkönigs aus einer anderen Welt ist. Ich habe immer angenommen, dass er sich da was zusammenfantasiert.
Willst du mir etwa sagen, dass er damit recht hatte?"
Nikolai stieß ein verächtliches Schnauben aus. „Ein Eroberer, ja, aber kein König. Die acht Ältesten, die vor Tausenden von Jahren hier gestrandet sind und ihre Nachkommen mit Menschenfrauen zeugten, waren blutrünstige Wilde, Vergewaltiger ... tödliche Kreaturen, die ganze Dörfer entvölkert haben. Der Orden hat die meisten von ihnen schon im Mittelalter vom Erdboden gefegt. Lucan hat gegen sie zum Kampf aufgerufen, nachdem seine Mutter von der Kreatur getötet wurde, die ihn gezeugt hatte."
Nun lauschte Renata nur noch, zu befremdet, um all die Fragen zu stellen, die ihr durch den Kopf schössen.
„Wie sich herausgestellt hat", fügte Nikolai hinzu, „hat einer der Ältesten den Krieg des Ordens gegen sie überlebt.
Einer seiner Söhne hat ihn versteckt - ein Gen Eins namens Dragos. Wir haben gute Gründe, anzunehmen, dass dieser Älteste immer noch am Leben ist, und dass Dragos' letzter überlebender Sohn - der auch so heißt wie er, das ist der Mistkerl, den wir ausschalten wollen - nur auf seine Gelegenheit wartet, ihn auf die Welt loszulassen."
„Vor zwei Jahren dachte ich noch, dass es Vampire gar nicht gibt. Sergej Jakut hat mich eines Besseren belehrt. Er hat mir bewiesen, dass Vampire nicht nur existieren, sondern dass sie schrecklicher und gefährlicher sind als alles, was ich aus Büchern oder Filmen kenne. Und jetzt sagst du mir, dass es irgendwo da draußen etwas noch Schlimmeres gibt als ihn?"
„Ich will dir keine Angst machen, Renata. Ich will nur, dass du die Fakten kennst. Alle Fakten." „Warum?"
„Weil ich will, dass du das alles verstehst", sagte er. Die Worte klangen zu sanft.
Als wollte er sich irgendwie bei ihr entschuldigen.
Renata hob das Kinn, Kälte breitete sich in ihrer Brust aus. „Du willst, dass ich ... was verstehe? Dass mit diesem Hintergrund das Leben eines einzigen verschwundenen Kindes nicht zählt?"
Er stieß einen leisen Fluch aus. „Nein, Renata ..."
„Ist schon okay. Ich verstehe schon, Nikolai." Sie konnte die Bitterkeit nicht aus ihrer Stimme heraushalten, nicht einmal, während sie sich immer noch abmühte, all diese erschütternden Neuigkeiten zu verarbeiten, die sie soeben erfahren hatte. „Hey, kein Problem. Schließlich hast du nie gesagt, dass du mir helfen willst, und ich bin gewohnt, dass man mich hängen lässt. Das Leben ist verdammt unfair, was? Nur gut, dass wir beide jetzt wissen, wo wir stehen, bevor das hier noch weitergeht."
„Was ist los, Renata?" Er starrte sie mit durchdringendem Blick an, so als könnte er mitten in sie hineinsehen. „Geht es hier wirklich um Mira? Oder bist du so durcheinander wegen dem, was zwischen uns passiert ist?"
Uns. Das Wort blieb in ihrem Gehirn stecken wie ein Fremdkörper. Es fühlte sich so unvertraut, gefährlich an. Viel zu intim. Für Renata hatte es nie ein „wir" gegeben. Sie hatte sich immer nur auf sich selbst verlassen, andere nie um etwas gebeten. So war es sicherer. Und auch jetzt war es sicherer so.
Sie hatte ihre eigene Regel gebrochen, als sie Nikolai gefolgt war, um ihn für die Suche nach Mira anzuwerben. Und was hatte sie nun davon? Eine eiternde Schussverletzung, wertvolle Zeit verloren, und Mira war sie keinen einzigen Schritt näher gekommen. Und da sich inzwischen herumgesprochen haben musste, dass sie Niko geholfen hatte, aus Fabiens Klinik auszubrechen, hatte sie praktisch keine Chance mehr, allein an den Vampir heranzukommen. Wenn Mira bisher schon in Gefahr gewesen war, hatte Renata die Lage des kleinen Mädchens nun womöglich noch verschlimmert.
„Ich muss hier raus", sagte sie hölzern. „Ich habe schon zu viel Zeit verloren. Ich könnte nicht ertragen, wenn diesem Kind wegen mir etwas zustößt."
Besorgnis und Verdrossenheit trieben sie aus dem Bett. Sie stand auf - zu schnell.
Bevor sie sich zwei Schritte von Nikolai entfernen konnte, wurden ihre Knie weich. Eine Sekunde lang wurde es dunkel um sie, und dann sackte sie nach vorne. Sie spürte, wie starke Arme sie auffingen, Nikolais Stimme klang ruhig neben ihrem Ohr, als er sie aufhob und aufs Bett legte.
„Hör auf zu kämpfen, Renata", sagte er, als sie aus ihrer Ohnmacht wieder zu sich kam und blinzelnd zu ihm aufsah. Er stand über sie gebeugt und strich ihr mit dem Handrücken über die Wange. So sanft, so beruhigend. „Du musst nicht rennen. Du musst nicht kämpfen . . nicht mit mir. Bei mir bist du sicher, Renata."
Sie wollte die Augen schließen und seine sanften Worte ausblenden. Sie hatte solche Angst davor, ihm zu glauben, ihm zu vertrauen. Und sie fühlte sich so schuldig, seinen Trost anzunehmen, in dem Wissen, dass zur gleichen Zeit ein Kind litt, wahrscheinlich in der Dunkelheit nach ihr weinte und sich fragte, warum Renata ihr Versprechen gebrochen hatte.
„Mira ist alles, worum es mir geht", flüsterte sie. „Ich muss wissen, dass sie in Sicherheit ist, und zwar ein für alle Mal."
Nikolai nickte ernst. „Ich weiß, wie viel sie dir bedeutet.
Und ich weiß, wie schwer es dir fällt, jemanden um Hilfe zu bitten. Himmel, Renata ... du hast bewusst dein Leben riskiert, um mich aus dieser Hochsicherheitsklinik rauszuholen. Ich werde nie wiedergutmachen können, was du für mich getan hast."
Sie drehte ihr Gesicht auf dem Kissen zur Seite, unfähig, weiter seinen durchdringenden Blick auszuhalten. „Keine Sorge, du bist mir gegenüber zu nichts verpflichtet. Du schuldest mir gar nichts, Nikolai."
Warme Finger glitten ihren Unterkiefer entlang. Er umfing ihr Kinn mit seiner Hand und drehte ihr Gesicht sanft wieder zu sich. „Ich schulde dir mein Leben. Wo ich herkomme, ist das kein Pappenstiel."
Renata stockte der Atem, als er ihr in die Augen sah. Sie hasste sich für das Gefühl der Hoffnung, das in ihrem Herzen aufflackerte - Hoffnung, dass sie jetzt wirklich nicht mehr allein war. Hoffnung, dass dieser Krieger ihr versichern würde, dass alles gut enden würde, und was auch immer das für ein Monster war, das Mira in seinen Fängen hatte - sie würden sie finden, und es würde ihr gut gehen.
„Ich werde nicht zulassen, dass Mira irgendetwas passiert", sagte er und zwang sie, seinem intensiven Blick standzuhalten. „Darauf gebe ich dir mein Wort. Ich werde auch nicht zulassen, dass dir etwas passiert, und deshalb werde ich dir einen Arzt für deine Schulter besorgen, sobald heute Abend die Sonne untergeht."
„Was?" Sie versuchte sich aufzusetzen und verzog das Gesicht, als ein scharfer Schmerz sie durchzuckte. „Ich bin okay. Ich brauche keinen Arzt..."
„Dir geht es alles andere als gut, Renata. Dir geht es jede Stunde schlechter." Seine Miene war ernst, als er von der entzündeten Schulterwunde aufsah und in ihre Augen blickte. „Du kannst so nicht weitermachen."
„Ich werde es überleben", beharrte sie. „Ich werde nicht aufgeben, solange Miras Leben auf dem Spiel steht."
„Dein Leben ist auch in Gefahr. Verstehst du?" Er schüttelte den Kopf und murmelte ein paar derbe, düstere Worte. „Du kannst sterben, wenn diese Wunde nicht behandelt wird. Das werde ich nicht zulassen, also bedeutet das, dass du heute Nacht ein Date mit der nächstgelegenen Notaufnahme hast."
„Was ist mit Blut?" Sie beobachtete ihn, sah, wie sich jeder Muskel in Nikolais Körper anzuspannen schien, sobald sie diese Worte ausgesprochen hatte.
„Was ist damit?", fragte er mit hölzerner, unergründlicher Stimme.
„Du hast mich vorhin gefragt, ob ich je Sergej Jakuts Blut getrunken habe. Wenn ich das getan hätte, wäre ich jetzt geheilt?"
Er hob vage die Schultern, aber die Anspannung in seinem riesenhaften Körper blieb. Als er den Blick hob, um sie anzusehen, brannten bernsteinfarbene Blitze im frostigen Blau seiner Iriskreise, und seine Pupillen zogen sich unmerklich zusammen.
„Wäre ich inzwischen geheilt, wenn du mir dein Blut geben würdest, Nikolai?"
„Bittest du mich denn darum?"
„Wenn ja, würdest du es mir geben?"
Er stieß scharf den Atem aus, und als seine Lippen sich öffneten, um wieder Atem zu holen, sah Renata die scharfen Spitzen seiner Fangzähne. „Das ist nicht ganz so einfach, wie du denkst", erwiderte er, und seine Stimme klang rau. „Du wärst dann mit mir verbunden. Genauso, wie Jakut durch dein Blut mit dir verbunden war, wärst du dann an mich gebunden. Du würdest mich in deinem Blut spüren. Du würdest mich immer in dir spüren, und es lässt sich nicht rückgängig machen, Renata - nicht einmal, wenn du später von einem anderen Stammesvampir trinkst. Unsere Verbindung würde stärker sein als alle anderen. Sie kann erst gebrochen werden, wenn einer von uns tot ist."
Das war allerdings keine Kleinigkeit, das verstand sie. Zur Hölle, sie konnte kaum glauben, dass sie überhaupt ernsthaft darüber nachdachte. Aber tief in ihrem Inneren, so verrückt es auch sein mochte, vertraute sie Nikolai. Und was das alles sie selbst kosten würde, machte ihr am allerwenigsten Sorgen. „Wenn wir das tun, wird es mir dann so gut gehen, dass ich heute Nacht hier raus kann, um Mira zu suchen?"
Er krampfte den Kiefer so fest zusammen, dass in seiner Wange ein Muskel zuckte. Er starrte sie an, seine Züge wurden zusehends wilder, das Blau seiner Augen von einem feurigen Glanz überschwemmt.
Als er keine Anstalten machte, ihr zu antworten, streckte Renata die Hand aus und legte sie fest auf seinen Arm.
„Kann dein Blut mich heilen, Nikolai?"
„Ja", sagte er, und das Wort kam erstickt aus seiner Kehle.
„Dann will ich es."
Als er ihr in einem intensiven Schweigen weiter in die Augen sah, musste sie an all die Male denken, die Sergej Jakut aus ihrer Vene getrunken hatte. Wie entwürdigt und benutzt sie sich gefühlt hatte ... wie sehr der Gedanke sie abgestoßen hatte, dass ihr Blut solch eine grausame, monströse Kreatur nährte. Es wäre ihr nie eingefallen, einen Teil von ihm in sich aufzunehmen, nicht einmal, wenn es um ihr nacktes Überleben gegangen wäre. Ein Stück ihrer Seele wäre gestorben, wenn sie ihren Mund freiwillig auf Jakuts Körper gelegt hätte. Von ihm zu trinken? Sie war sich nicht einmal sicher, ob ihre Liebe zu Mira stark genug war, um etwas so Abscheuliches für sie zu tun.
Aber Nikolai war kein Monster. Er war ehrenhaft und gerecht. Er war sanft und beschützend, ein Mann, der sich auf dieser gemeinsamen Reise mit ungewissem Ausgang immer mehr wie ein Partner anfühlte. Er war jetzt ihr bester Verbündeter. Ihre größte Hoffnung, Mira zu finden.
Und auf einer noch tieferen Ebene ihres Selbst, auf der sie einfach nur eine Frau war, mit Bedürfnissen und Wünschen, die sie sich gar nicht allzu genau anzusehen wagte, sehnte sie sich danach, Nikolai zu schmecken. Sie sehnte sich heftiger danach, als ihr zustand.
„Bist du sicher, Renata?"
„Wenn du mir dein Blut gibst, dann ja, ich bin mir sicher", sagte sie. „Ich werde es trinken."
In der langen Stille, die folgte, setzte Nikolai sich auf das Bett. Sie sah ihm zu, wie er das riesige Oxfordhemd aufknöpfte, und wartete, dass sich ihre Unsicherheit - ihr Gefühl von Gefahr und Bedrohung - vertiefte. Aber dem war nicht so. Als Nikolai das Hemd abstreifte und mit nacktem Oberkörper vor ihr saß, mit pulsierenden Dermaglyphen, von denen jeder Bogen und Schnörkel in wechselnden Schattierungen von dunklen Weinfarben schillerte, spürte sie überhaupt keine Zweifel. Als er auf sie zukroch, den rechten Arm an den Mund hob, seine riesigen Fangzähne entblößte und sie in sein Handgelenk schlug, hatte das, was sie fühlte, auch nicht annähernd mit Angst zu tun.
Und als er im nächsten Augenblick die blutenden Bisswunden an ihre Lippen drückte und ihr zu trinken befahl, hatte Renata keinerlei Absicht, sich zu weigern.
Der erste Schluck von Nikolais Blut auf ihrer Zunge war ein Schock.
Sie hatte mit einem bitteren Kupfergeschmack gerechnet, aber was sie stattdessen schmeckte, war warm und leicht würzig, und sie spürte, wie eine Kraft sie durchfuhr wie flüssiger elektrischer Strom. Sie konnte spüren, wie sein Blut ihr die Kehle hinabschoss, in jede Faser ihres Körpers hinein. Licht durchflutete von innen ihre Glieder, und der Schmerz in ihrer verletzten Schulter begann nachzulassen, als sie mehr von Nikolais heilender Kraft in sich aufnahm.
„So ist's gut", murmelte er, und seine Finger strichen ihr schweißnasses Haar aus dem Gesicht. „Verdammt, gut so, Renata ... trink, bis du das Gefühl hast, dass du genug hast."
Sie trank in langen, harten Zügen aus seinem Handgelenk, mit einem Instinkt, von dem sie nicht gewusst hatte, dass sie ihn besaß. Es fühlte sich so gut und richtig an, von Nikolai zu trinken. Es fühlte sich mehr als nur gut an ... es fühlte sich unglaublich an. Je mehr sie von ihm trank, desto lebendiger fühlte sie sich. Jedes ihrer Nervenenden leuchtete auf, als hätte man in ihrer Leibesmitte einen Schalter umgelegt.
Und als er sie weiter so streichelte, sie nährte und heilte, begann Renata, eine neue Hitze zu spüren, die sich rasch in ihr ausbreitete. Sie stöhnte, ergriffen von einer schmelzend heißen Welle, die sie durchflutete. Sie wand sich und wusste, sie würde nicht den Fehler machen, dieses Gefühl zu verkennen ... es war Begehren. Ein Begehren, das sie schon zu verdrängen versucht hatte, seit sie Nikolai zum ersten Mal getroffen hatte, und das nun in ihr aufwallte, um sie zu verzehren.
Sie konnte nicht widerstehen, härter an ihm zu saugen.
Sie brauchte mehr von ihm.
Sie brauchte ihn ganz, und zwar sofort.